Das ist wohl ein Mythos, der sich lange hielt, inzwischen aber zum Glück als überholt gelten kann. Schuld an diesem Mythos ist die Zeit der frühen 70er Jahre und allen voran die Liebfrauenmilch, die in den Übersee-Märkten reißenden Absatz fand. Dem Trend zu süßem Wein konnte sich in dieser Zeit kaum ein deutscher Winzer entziehen: Verkauft wurde, was süß war.
Steve Miller, einer der angesagten Wein-Experten dieser Zeit, hatte das vor zehn Jahren bei der Eröffnungsrede zur VDP-Weinbörse wie folgt zusammengefasst:
In den 60er, 70er und 80er Jahren wurde die Vermarktung deutscher Weine in den Staaten bestimmt von Weinsorten wie „Liebfrauenmilch“, regionalen Weinverschnitten, billigen Großlagensorten und schlimmerem. Qualitativ minderwertige Billigweine machten den Weinkonsument glauben, alle deutschen Weine seien mild, zuckersüß und nicht wert, von seriösen Weinkennern beachtet zu werden. Frühere gute Renommierweine berühmter Weinbauorte wie Nierstein oder der Goldtröpfchen-Lage gingen unter in einer Flut von „Gutes Domtal“ und „Michelsberg“, und als der Markt schließlich einen absoluten Tiefstand erreicht hatte, war praktisch nichts mehr übriggeblieben.
Trauriger Schlusspunkt des Trends der „Süßen deutschen Weine“ war 1985 der Glykolskandal, der die Branche fast in den Ruin stürzte. Seinen Ursprung hatte der Skandal in Österreich. Dort hatten Winzer systematisch Wein mit Glykol gepanscht, um mehr Süße zu erzielen. In Deutschland wurden die Weine anschließend illegal verschnitten. Ganz nach dem oben angesprochenen Motto: Verkauft wurde, was süß war.
In den folgenden Jahren brach der Weinabsatz in Österreich aber auch in Deutschland drastisch ein. Alleine in den ersten zwei Jahren nach dem Skandal schrumpfte der österreichische Weinexport von 450.000 Hektolitern auf gerade einmal noch 44.000 Hektoliter. Viele Weingüter standen vor der Pleite. In Deutschland sah es nicht viel besser aus. Nach Bekanntwerden des Skandals brachen sowohl der Inlandsabsatz wie auch der Export drastisch ein.
So befremdlich es auch klingen mag: Die Qualität heutiger deutscher Weine haben wir nicht zuletzt dem Glykolskandal zu verdanken. Reflexartig wurden damals nicht nur Gesetze geändert, sondern auch das Selbstverständnis vieler Produzenten änderte sich grundlegend. Österreich war dabei Vorreiter. Aber auch in Deutschland waren die Auswirkungen sehr ähnlich:
„Das Bewusstsein der Erzeuger ist seit Mitte der 80er Jahre gewachsen, und seit den 90er Jahren ist die Qualität der Weine deutlich gestiegen“, sagt der Präsident des Deutschen Weinbauverbands, Norbert Weber.
Da Deutschland nur indirekt in den Skandal verwickelt gewesen sei, sei die Entwicklung im Vergleich zu Österreich mit etwas Verzögerung abgelaufen. „Aber der Glykol-Skandal war mit Auslöser für eine neue Diskussion, die zu einem riesigen Qualitätsschub geführt hat, gerade auch bei der nächsten Winzer-Generation“, sagt Weber.
Frische, trockene deutsche Weißweine sind seither ein Aushängeschild und auch deutsche Rote haben international inzwischen einen guten Ruf. Manchmal haben also auch die schlimmsten Skandale das Zeug, um gute Entwicklungen anzustoßen. Und manchmal schaffen sie selbst hartnäckigste Mythen aus der Welt.

