Wein mit Auszeichnung und positivem Urteil der einschlägigen Weinkritiker ist grundsätzlich ein guter Wein – so lautet zumindest die landläufige Meinung zu DLG-Prämierungen, Gault-Millau, Eichelmann, Priewe, Parker und Co. Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Zumindest wenn man unter „gut“ die Weine versteht, die einem persönlich gut schmecken.
Zwar sind Punkte, Auszeichnungen und Preise grundsätzlich nicht verkehrt und geben einen ersten Überblick. Die Punktesysteme, die meist als Grundlage für die Bewertungen dienen, sorgen aber auch immer wieder für Kritik. Selbst auf Wikipedia:
Als problematisch wird dabei angesehen, dass der Weinmarkt und die Preisentwicklung Parkers Punktebewertungen weitgehend unkritisch und interessengeleitet folgen. Zudem würden besonders international tätige Kritiker und Multiplikatoren wie Robert Parker oder Jancis Robinson als universelle Geschmacksrichter auftreten und dabei weltweit die Interessen bestimmter Konsumentenmärkte als Geschmacksnorm propagieren. Resultat sei eine allmähliche Angleichung der in den Weinregionen traditionell gewachsenen Wein- und Geschmackskulturen an die von einigen Kritikern eingeforderte Marktkonformität.
Dass man das durchaus auch anders sehen kann, hat Dirk Würtz vor einiger Zeit in einem Beitrag klargestellt. Würtz kommt zu dem Schluss, dass Parker-Punkte jedem Winzer die Chance bieten, Weine zu produzieren, die dem Parker-Geschmack entsprechen und sich somit auch gut verkaufen werden. Am Ende bringt er aber noch einen sehr interessanten Punkt zur Sprache:
Robert Parker ist ein Phänomen in der Weinwelt. Aber es gibt sicherlich noch Platz und Notwendigkeiten für mehr Phänomene dieser Art. Zur Zeit ist er eben ziemlich alleine. Wie immer aber bietet hier das Internet eine tolle Alternative. Vielleicht kommt ja das nächste Phänomen aus dem web 2.0… wer weiß…
Inzwischen gibt es im Netz tatsächlich einige Ansätze, die den klassischen Weinkritikern Konkurrenz machen könnten. Vielleicht lässt sich Geschmack wirklich nicht weltweit durch einzelne Kritiker festlegen.
Wenn man von Schwarmintelligenz spricht, ist der Ansatz des Schwarmgeschmacks nicht weit weg. Aber ist wirklich gut, was vielen schmeckt? Ein erster Versuch in diese Richtung kommt nicht aus der Wein-, sondern aus der Theaterbranche. „Schwarmgeschmack – In Hamburg soll das Publikum den Theaterspielplan bestimmen“:
Joachim Lux, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, und Carl Hegemann, sein neuer Dramaturg, bedienen sich zur Gestaltung ihres Spielplans einer Instanz, welche man, wenn schon nicht Schwarmintelligenz, so doch Schwarmgeschmack nennen kann. Vier Aufführungen der Spielzeit 2012/13 werden per Online-Votum vom Publikum bestimmt. Aufgeführt werden dann die drei Stücke, die von den meisten Zuschauern genannt werden, sowie das Stück, das den Theaterchefs als das originellste erscheint.
Das Ergebnis, das bei dem Versuch raus kam, hat dagegen einigen Kritikern gar nicht gefallen. Das Problem ist also immer das Gleiche: Lässt sich über Geschmack streiten? Oder eben nicht? Hilft mir die beste Kritik weiter, wenn ich selbst einen anderen Geschmack als der Kritiker habe?
Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Glücklich schätzen kann sich, wer mit den Kritikern übereinstimmt. Derjenige findet auf diese Weise tolle Weine, die zu seinem persönlichen Geschmack passen. Für alle anderen gilt auch in Zukunft: Jeder muss seinen ganz persönlichen Kritiker finden. Es muss nicht Robert Parker sein. Es kann auch der Nachbar, ein Freund oder ein Arbeitskollege sein – Hauptsache der Geschmack passt zum eigenen.
Das Netz bietet in dieser Hinsicht große und ganz neue Chancen, über persönliche Empfehlungen zum eigenen Lieblingswein zu finden. Die Empfehlung von Kritikern wird auch hier eine große Rolle spielen. Mit dem Unterschied, dass sich in Zukunft jeder seinen ganz persönlichen Kritiker aussuchen kann.
