Wein-Mythen Teil 8: Wein und Transport – muss Wein wirklich vor dem Trinken ruhen?

Bei manchen Fragen merkt man schon bei der ersten Recherche, dass man nicht der Einzige ist, der sich diese Frage gestellt hat. „Muss Wein nach dem Transport ruhen?“ ist eine der Fragen, bei der man im Internet schnell bei verschiedenen Frageseiten, Foren und Portalen landet. Viele haben sich die Frage bereits gestellt, und viele haben darauf geantwortet.

Wie ist das jetzt aber mit der Ruhezeit nach dem Transport? Eine passende Antwort, die mit den meisten Einschätzungen übereinstimmt, haben wir beim Weingut Amlinger gefunden:

Über die Zeitspanne, die ein Wein ruhen sollte, bis er nach einem Transport geöffnet werden kann, wurde und wird viel diskutiert. Rotwein, speziell alter und hochwertiger, scheint empfindlicher zu sein. Ihm sollte man einige Tage, bis zu 2 Wochen, gönnen. Weißwein dagegen präsentiert sich recht unkompliziert und kann in aller Regel sofort oder nach kurzer Wartezeit (ab 8 Stunden) getrunken werden.

Damit ist auch schon eine wichtige Faustregel genannt: Alte Rotweine sollten ruhen. Jungen Weißweinen ist der Transport meist ziemlich egal. Das liegt hauptsächlich an Gerbstoffen, die sich bei reifen Rotweinen am Boden absetzen. Dieses sogenannte „Depot“ wird durch den Transport aufgewirbelt. Das Ergebnis ist ein trüber Wein, der auch geschmacklich einbüßt. Die Ruhezeit dient also dazu, dass sich diese Stoffe wieder absetzen können und der Wein seine Klarheit zurückgewinnt.

Richtig alten Rotwein sollten Sie also wirklich schon einige Tage vor Ihrer Einladung zum Abendessen beim Gastgeber abgeben. Ein ruhiges, dunkles und kühles Plätzchen und einige Tage Ruhezeit werden dem Wein gut tun.

Bei jungen Weinen ist dies hingegen nicht so entscheidend: Durch moderne Abfüllmethoden und hygienische Standards gelangen schlichtweg weniger „Feststoffe“ in den Wein. Also auch weniger Stoffe, die beim Transport aufgewirbelt werden können.

Kurz gesagt: Die Ruhezeit nach dem Transport ist nicht nur ein Mythos. Bei älteren Jahrgängen – insbesondere bei älteren Rotweinen – durchaus notwendig, bei jüngeren Jahrgängen wird jedoch mit wochenlangen Ruhezeiten nach dem Transport in der Regel unnötig übertrieben.

Weinboom in China: Niedriger Pro-Kopf-Verbrauch, aber viele Köpfe

Es scheint, als lägen Nachrichten über chinesische Weinkäufer derzeit im Trend. Immer häufiger stößt man auf Meldungen über Rekordpreise. Nicht selten liest man in solchen Meldungen, dass selbst die teuersten Weine gerne mit Cola gemixt bzw. „veredelt“ werden oder „on the rocks“ serviert werden. Welch Frevel!

Schnell verfestigt sich der Eindruck, dass der chinesische Markt beim deutschen Weinliebhaber eher Unverständnis hervorruft: Die Preise zu hoch, die Trinkgewohnheiten zu ungewöhnlich. Aber die Chinesen kommen auf den Geschmack: Alleine von 2009 bis 2010 ist der Weinkonsum in China um fast 35 % gewachsen. Damit wurden die kühnsten Erwartungen der letzten Jahre nochmals deutlich übertroffen, wie eine aktuelle Studie (deutsch, englisch) belegt:

Weiter rückblickend zeigen die Zahlen, dass im Zeitraum 2006 bis 2010 der Weinkonsum in China 2,4 Mal größer anstieg als man vorher prognostiziert hatte. Für den Zeitraum 2011 bis 2015 wird vom heutigen Stand aus eine weitere Konsumsteigerung von rund 55 Prozent vorher gesagt. „Das ist ein Hype – jeder Erzeuger in den traditionellen Anbauzonen der Welt denkt: China, China, China“, kommentiert Robert Beynat, CEO der VINEXPO, die Studie.

In Pro-Kopf-Zahlen (pdf) gemessen ist der chinesische Weinmarkt allerdings immer noch sehr weit von Spitzenplätzen entfernt. Bis 2015 rechnen die Experten mit einem Pro-Kopf-Konsum von gerade einmal 2 Litern pro Jahr. Zum Vergleich: Franzosen oder Italiener trinken rund 50 Liter, die deutsche Bevölkerung kommt immerhin auf etwa 25 Liter pro Kopf. Wenn es nur danach ginge, müssten wir uns allerdings deutlich mehr Sorgen darüber machen, dass uns der Vatikan alles wegtrinkt. Ist er doch mit etwa 70 Litern unangefochtener Spitzenreiter beim Pro-Kopf-Konsum. Absolut gesehen natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die nur knapp 1.000 Einwohner des Vatikans mit Chinas 1,4 Milliarden vergleicht.
In China ist es nicht der generell hohe Konsum, sondern schlichtweg die Masse an Menschen, die das Land nach und nach zum größten Wein-Verbrauchermarkt der Welt machen werden. Ausgehend von einem Konsum von ca. 8,7 Mio. hl im Jahr 2009 stellt sich als nur noch die Frage, wie lange es letztlich dauert, bis China den ersten ersten Platz erobert haben wird.

Wein ist in China inzwischen Statussymbol und Investitionsobjekt zugleich:

„Teure Autos und große Häuser zu vergleichen ist hier nicht mehr in Mode. Der neue Trend ist Wein“, sagte Wang, dessen teuerster Wein unter den hunderten von Flaschen ein Chateau Lafite Rothschild 1965 ist, welche zwischen 40.000 und 50.000 Yuan (4.800 und 6.000 Euro) kostet. Da der Aktienmarkt schwach ist und die Immobilienpreise fallen, wurde Wein zum neuen Spielball von Investoren unter den Geschäftsleuten der wohlhabenden Yangtse-Delta-Region und in ganz China.

Chinesische Weinliebhaber gehören zu den oberen 10.000 der Gesellschaft, organisiert in „Weinliebhaberzirkeln“. Dort wird diskutiert, degustiert und natürlich auch etwas geprahlt:

Wang zufolge gibt es 50 Leute im „Weinliebhaberzirkel“ der Stadt Yiwu. Sie diskutieren verschiedene Weinarten, Informationen wo man die besten Weine kauft und trinken dabei ihre Sammlung. „Wir geben durchschnittlich 100.000 Yuan (12.000 Euro) im Jahr für Wein aus, doch manche Sammler verbrauchen diesen Betrag in einem Monat. Letztes Jahr kaufte beispielsweise ein Freund von mir 61 Flaschen Rotwein in drei Monaten. Alle von ihnen kosteten über 10.000 Yuan (1.200 Euro) und sie wurden in 61 verschiedenen französischen Weinbergen hergestellt“, erzählte Wang im Interview mit China Daily.

Spitzenweine werden auch bei uns schon lange als Investitionsobjekt gesehen. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass auch einige chinesische Investoren Ihr Geld inzwischen nicht mehr nur in Weinflaschen, sondern gleich in Weingütern anlegen. Irgendwann werden voraussichtlich auch in China Spitzenweine produziert werden. Die ersten Weingüter haben schon damit angefangen. Für uns natürlich wieder einmal auf ungewohnte Art und Weise; in nachgebauten schottischen Burgen im Stil des 17. Jahrhunderts.

Chateau Changyu-Castel

Chateau Changyu-Castel

*Update* Stuart Pigott im BR-Fernsehen: Neue Folge zu “Wein und Lage”

*Update: Neue Folge “Wein und Lagen”*
Stuart Pigott war letzten Samstag zum dritten Mal für den Bayerischen Rundfunk unterwegs. Dieses Mal hat er sich dem Thema “Die Lagen sind der Komponist des Weins” gewidmet. Das tut er, wie gewohnt, auf seine ganz eigene Art:

“Terroir-Geschwafel” ist Stuart Pigott zuwider. Er besucht Winzer, die verwilderte alte Steillagen der Vergessenheit entrissen haben und auf denen heute wieder große Weine wachsen: Daniel Vollenweider an der Mosel, Roman Niewodniczanski (van Volxem) an der Saar, Eva Fricke am Rhein und die Jungwinzervereinigung ‚Südpfalz-Connexion‘ in der Pfalz. Und diese Winzer erweisen sich als begnadete Interpreten ihrer Steillagen-Kompositionen!

Die aktuelle Folge kann noch bis Samstag in der Mediathek des BR als Stream angeschaut werden. Hier geht es direkt zum Video.

Am Samstag, 28. Januar, geht es um 15:30 Uhr dann mit der nächsten Folge weiter. Dabei dreht sich für Stuart Pigott alles um den Spätburgunder. Die Traube, die für Pigott “als Diva und Mimose bekannt ist” – und doch gehören ihr die Herzen der deutschen Spitzenwinzer.

*ursprünglicher Artikel vom 13. Januar*
Im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks läuft seit letztem Samstag wieder die Reihe “Weinwunder Deutschland” mit Stuart Pigott. Insgesamt sechs Folgen werden jeweils Samstags um 15:30 Uhr gesendet. In der Pressemeldung heißt es dazu:

Guter Wein muss nicht teuer sein! Misstrauen Sie großen Namen! Vertrauen Sie ihrer Zunge! Wein muss allein dem schmecken, der ihn trinkt! Stuart Pigotts zentrale Weinbotschaften sind ebenso unkonventionell wie die Art, wie er auf seinen Reisen durch die deutschen Weinbaugebiete hinter die Kulissen des “deutschen Weinwunders” schaut.

Die erste Folge lief bereits letzten Samstag, ist aber in der BR-Mediathek noch online abrufbar. Stuart Pigott vergleicht hier Traditionsweingüter mit Startup-Weingütern:

Stuart Pigott geht der Frage nach, ob große deutsche Traditionsbetriebe wie ‘Schloss Johannisberg’ (Rheingau) oder ‘Maximin Grünhaus’ (Mosel) zur Innovation fähig sind und zu annehmbaren Preisen beste  Weinqualität liefern – oder sind sie im “Schlossballast” erstarrt und im Vergleich zu teuer? Den großen Klassikern gegenüber stehen auf dieser Reise zwei kleine Start-Ups, die erst vor kurzem gegründet wurden. Pigott besucht Eva Vollmer in einem Mainzer Vorort und die Shelter Winery (Hans-Bert Espe und Silke Wolf) im Breisgau/Baden.
Tradition versus Improvisation, Schloss versus Start-Up – wo kriege ich mehr Wein für weniger Geld?

Anschauen lohnt sich auf jeden Fall! Die Beiträge sind sehr kurzweilig und interessant aufgebaut. Eine Themenübersicht für die nächsten fünf Folgen gibt es hier. Direkt zum Video zur BR-Mediathek (dort links im Suchfeld “Weinwunder” eingeben) geht es mit einem Klick auf dieses Bild: