Kampf gegen die Natur: Mit Heizofen und Hubschrauber gegen die Eisheiligen

Wenn der Mensch gegen die Natur kämpft, nimmt das manchmal etwas seltsame Züge an. In den frühen Morgenstunden des vergangenen Wochenendes hat die bayerische Landesanstalt für Weinbau (LWG) mit verschiedensten Methoden versucht, die Eisheiligen zu überlisten. Der spektakulärste Test war ein Hubschrauberflug der Bundeswehr, wie der BR berichtete:

Um kurz nach 5.00 Uhr ist am Montag (14.05.12) in der Bundeswehrkaserne in Volkach ein Hubschrauber gestartet. Sein Ziel waren die Weinberge des Nachbarortes Sommerach. Dort drehte der Helikopter bis kurz nach 6.00 Uhr in zehn Metern Höhe seine Bahnen. Dadurch soll die etwas wärmere Luft von oben zum Boden gedrückt und die gefährliche Frostbildung verhindert werden.

Obwohl dieses auf den ersten Blick recht unkonventionelle Verfahren in Australien und Neuseeland schon länger erfolgreich eingesetzt wird, war man in den Weinbergen zwischen Hallburg und Sommerach enttäuscht. Laut Versuchsleiter Peter Schwappach von der LWG konnten keine Temperaturveränderungen am Boden festgestellt werden.

Alleine auf die Bundeswehr wollte man sich aber sowieso nicht verlassen. In anderen Parzellen testete man Vernebelungsmaschinen, ähnlich wie man Sie aus der Disko kennt, Heizdrähte und mehreren hundert Heizöfen pro Hektar, die die Weinberge mit dem Brennstoff Paraffin vor dem Frost schützen sollten. Auch mit Beregnungsanlagen hatte man getestet.

Ein Fernsehbericht des Lokalsenders TV-Touring, hat die verschiedenen Testvarianten schön festgehalten:

Über die genauen Ergebnisse ist im einzelnen bisher noch nichts bekannt. Die Landesanstalt hat für diese und weitere Tests in den nächsten drei Jahren 260.000 Euro vom Freistaat Bayern erhalten. Ziel ist es, die Ernteausfälle durch späten Frost wie im Vorjahr zu verhindern.

Die Kosten, die durch die Maßnahmen für die Winzer entstehen, sind im Verhältnis zu evtl. Ernteausfällen zwar durchaus nennenswert: je nach Verfahren fallen wohl zwischen 2.000 und 10.000 Euro pro Hektar an. Sollten die Verfahren zuverlässig funktionieren, könnte das für manchen Winzer jedoch eine lohnende Investition sein.

Dass man sich bei der Landesanstalt aber wohl auch möglicher Kritiker und Gegner solcher Eingriffe in die Natur bewusst ist, zeigt die Vorankündigung, die letzte Woche an die Presse verteilt wurde: Anders sind die Sperrfristen, die der Presse für die Berichterstattung auferlegt wurden, und der konspirative Ton der Ankündigung nur schwer zu erklären.

Die wichtigsten Weinländer der Welt Teil 8: Argentinien

Obwohl Chile in Europa als das Weinland Südamerikas gilt, ist Argentinien der eigentliche Spitzenreiter. Die jährliche Produktion lag 2010 auf 228.000 Hektar Anbaufläche mit 16,3 Millionen Hektolitern (PDF) annähernd doppelt so hoch wie die Weinproduktion Chiles. Im weltweiten Vergleich belegt Argentinien damit den fünften Rang hinter den drei großen Europäern Frankreich, Italien und Spanien sowie den USA.

Im Vergleich zu Chile ist Argentinien allerdings selbst ein großes Land mit vielen Weintrinkern und dadurch erst sehr viel später in den Export hochwertiger Weine eingestiegen. Argentinischer Wein war über Jahrhunderte für die Bevölkerung wie Brot und Wasser und es gab bei den einheimischen Weinen kaum Preis- und Qualitätsunterschiede. Wein war einfach ein alltägliches Lebensmittel und davon konsumierten die Argentinier noch in den 70er Jahren rund 90 (!!) Liter pro Kopf und damit rund ein Drittel mehr als der derzeit unangefochtene Spitzenreiter Vatikan.

Bedingt durch politische und wirtschaftliche Krisen in den letzten Jahrzehnten hat sich das bis heute extrem geändert. Der Pro-Kopf Verbrauch liegt heute bei gerade einmal bei 26,8 Litern und damit nur kurz vor Deutschland. Durch diese Entwicklung ist im Gegenzug der Export gestiegen und damit auch der Qualitätsanspruch an den argentinischen Wein: Die einheimischen Massenweine waren für den Export nicht geeignet.

Und das obwohl Argentinien über ähnlich gute Bedingungen für den Anbau hochwertigster Weine verfügt wie das Nachbarland Chile. Mineralische Böden, trockenes, warmes Klima am Tag und deutlich absinkende Temperaturen in der Nacht. Die argentinischen Anbaugebiete liegen wie in Chile direkt am Fuße der Anden, nur eben auf der anderen Seite.

Eine Besonderheit des argentinischen Weinbaus ist die Höhe der Anbauflächen. Der meiste Wein wächst auf Lagen, die sich zwischen 900 und 1500 Metern über Meeresspiegel befinden. In einzelnen Lagen wird Weinbau bis auf 2.500 Meter Höhe betrieben. Aufgrund der extremen Trockenheit werden die Reben künstlich mit Schmelzwasser aus den Anden durch ausgeklügelte und oft Jahrhunderte alte Kanalsysteme bewässert. Das sichert ein kontrolliertes und optimales Wachstum auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind Schädlinge und Krankheiten dadurch in Argentinien fast kein Problem, da diese meist witterungsbedingt feuchte Reben und dadurch beginnende Fäule benötigen.

Das mit Abstand bekannteste und größte Anbaugebiet ist die Provinz rund um die Stadt Mendoza, im zentralen Westen des Landes. Über 70 % der gesamten Produktion stammen von hier, obwohl sich die gesamten argentinischen Anbaugebiete über mehr als 1.800 Kilometer am Fuße der Anden verteilen. Menodza gilt seit jeher als die absolute Hochburg argentinischen Weins. Nahezu alle im Land vertretenen Rebsorten werden hier angebaut und liefern teilweise ausgezeichnete Qualitäten.

Insgesamt kann Argentinien als Rotweinland bezeichnet werden. Zwischen 70 % und 80 % der kompletten Ernte wird zu Rotwein verarbeit. Die bedeutendste Rebe ist heute Malbec, eine französische Traube, die in Argentinien allerdings die deutlich besseren Bedingungen vorfindet als im Bordeaux. Die Rotweine, die aus dieser Rebe entstehen, sind sehr kräftig in der Farbe und haben einen schweren und dennoch fruchtigen Charakter.

Die Bonarda Traube, aus der zwar meist nur Tafelweine geringer Qualität erzeugt werden, wurde als jahrelanger Spitzenreiter inzwischen abgelöst. Die Rebsorte selbst ist nach heutigem Erkenntnisstand wohl identisch mit der Dolcetta, die auch in anderen Teilen der Welt angebaut wird. Auch weitere Traditionssorten wie Sangiovese, Barbera und Tempranillo – ebenfalls meist Sorten, die zur Produktion von Massenweinen mit eher einfacher Qualität dienen – wurden inzwischen von klassischen „Europäern“ abgelöst: Syrah, Merlot und Sauvignon liefern heute ausgezeichnete argentinische Weine. Selbst Pinot Noir wächst in Argentinien auf extrem hohen Berglagen.

Argentinische Weißweine spielen eine untergeordnete Rolle und wachsen fast ausschließlich im äußersten Norden in sehr gebirgigen und hohen Lagen. Traditionssorte ist die bei uns fast unbekannte Torrontés, die in den letzten Jahren aber ebenfalls Konkurrenz durch Chardonnay, Chenin Blanc, Sauvignon Blanc und Sauvignonasse bekommen hat. Argentinische Weißweine sind bei uns nicht sehr weit verbreitet, obwohl durchaus interessante und eigenständige Weine mit würzigem Charakter darunter sind.

Noch immer sind viele der argentinischen Weine reine Konsum- und Massenweine einfachster Qualität. Und trotzdem: In den 90er und 2000er Jahren hat sich die Einstellung Argentiniens zum Wein geändert. Neben der reinen Ausrichtung als Massenproduzent für den heimischen Weinmarkt, hat das Bewusstsein für die Qualität der Weine seither stetig zugenommen – vor allem durch die qualitativen Anforderungen im Export und auch durch ausländische Investoren.

Während zwar noch immer gut die Hälfte aller produzierten Weine in den heimischen Supermärkten landet, entstehen zunehmend auch hochwertige Erzeugnisse, die international immer mehr Beachtung und Anerkennung finden. Ein Blick nach Argentinien lohnt bei der Suche nach spannenden Weinen heute und vor allem in den nächsten Jahren also auf jeden Fall.

‘Projekt Prost’: Dortmunder Klärwerker versuchen sich im Weinbau

Dass der Klimawandel für den deutschen Weinbau wohl eher zuträglich als schädlich sein wird, haben wir vor einigen Wochen schon einmal beschrieben. Bis in den höchsten Norden nach Sylt entstehen immer mehr neue Anbauflächen, in Gebieten, in denen an Weinbau vor einigen Jahrzehnten noch nicht zu denken war.

Ganz aktuell versucht sich die Dortmunder Emschergenossenschaft daran, mitten im Dortmunder Stadtteil Hörde versuchsweise Wein zu kultivieren. Am Ufer des Phoenix Sees, der erst in den letzten Jahren künstlich angelegt wurde, soll das Projekt unter wissenschaftlicher Begleitung ergründen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Weinbau hat. So steht es in der Pressemeldung:

Was zunächst wie ein verspäteter Aprilscherz klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Mit dem Weinanbau-Experiment, das die Emschergenossenschaft gemeinsam mit der Phoenix See Entwicklungsgesellschaft „anpackt“, sollen unter anderem die Auswirkungen des prognostizierten Klimawandels erforscht werden.

Wissenschaftlern zufolge erhöht sich die durchschnittliche Temperatur in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Der Weinanbau, so heißt es, wird sich mehr und mehr in nördlichere Regionen verlagern. Ob auch in Dortmund-Hörde Weinanbau möglich ist, wird sich zeigen. Wissenschaftlich und beratend begleitend wird das Weinanbau-Experiment von Experten der Forschungsanstalt Geisenheim.

Professionell will man den Weinbau in Dortmund vorerst aber wohl nicht betreiben und hat sich darum offiziell ganz bewusst für weniger als 100 gepflanzte Stöcke entschieden – die Grenze, ab der man dem gewerblichen Weinbaurecht unterliegt.

Die Emschergenossenschaft ist übrigens 1899 als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband gegründet worden und betreibt heute Kläranlagen und die Kanalisation für rund 2,2 Millionen Menschen. Falls es mit dem Dortmunder Wein also qualitativ nichts werden sollte, weiß man dort wenigstens wohin damit… ;-)